Glück ist auch, was einem erspart bleibt

Zum Thema Glück gibt es mittlerweile unüberschaubar viele Zitate, Bücher und sonstige Weisheiten. Dennoch wird Glück meist mit dem Gefühl verbunden, wenn einem ein besonders schöner Moment geschenkt wird.

Dass es auch eine andere Seite des Glücks gibt, beschreit der Psychologe Viktor E. Frankl sehr eindrucksvoll in seinem Buch ‚…trotzdem Ja zum Leben sagen“. Ja, er beschreibt als mittlerweile einer von reichlich vielen die Zustände in einem Konzentrationslager. Nun gibt es bestimmt einige, die meinen, nachdem es heute keine solchen Lager mehr gibt, braucht man sich damit ohnehin nicht auseinanderzusetzen. Die Darstellung Viktor E. Frankl unterscheidet sich jedoch von anderen deutlich durch seine Herangehensweise. Er sieht sich in seinen Ausführungen nicht als Ankläger oder Rächer, sondern eher als Vermittler und Mediator. Um die Worte des deutschen Journalisten Cordt Schnibben für eine gute Reportage zu verwenden – Viktor E. Frankl versteht es in dem Buch, die Zeit durch seine Worte einzufrieren. Egal, wann diese aufgetaut werden, sind sie immer noch so wahr, wie sie waren, als sie geschrieben wurden. Viktor E. Frankl stellt seine ganz persönlichen Erfahrungen zur Verfügung, die er unmittelbar nach seiner eigenen Freilassung aus dem Lager niederschrieb. Er selbst weist als Wissenschaftler darauf hin, dass er damals sicherlich nicht die nötige Distanz zu den Ereignissen hatte, um diese ohne Verzerrung objektiv darzustellen. Andererseits meint er, dass ein Außenstehender eine zu große Distanz hätte, um einen ähnlichen Bericht zu schreiben. Anhand seiner Aufzeichnungen und der hier dargestellten Ausschnitte kann sich jeder selbst ein Bild machen, ob diese Erkenntnisse – auch wenn sie aus einer ganz anderen Lebenssituation stammen – auch einen Wert für das eigene Leben haben.

Der Aspekt, der hier besonders reflektiert werden sollte, ist es, dass Glück auch durch Dankbarkeit entstehen kann, wenn einem auch nur ein kleiner Schrecken erspart bleibt.

Viktor E. Frankl gliedert seine Arbeit in drei Abschnitte: Die erste setzt sich mit der Aufnahme ins Lager auseinander, die zweite mit dem Alltagsleben im Lager. Der dritte Teil geht auf die Zeit nach der Befreiung ein.

Phase 1 – Aufnahme ins Lager

Den Einstieg in das ‚neue‘ Leben legt Viktor E. Frankl im Sinne der Normalität einer abnormalen Reaktion in einer abnormalen Situation dar. Dazu beruft er sich auf die Worte Gotthold Ephraim Lessings: „Wer über manchen Dingen seinen Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.“ Gleichzeitig beschreibt er einen sehr kritischen Zeitpunkt, in dem ein Wink mit dem Zeigefinger über Sein oder Nichtsein entschied. Rund 90 % der Menschen, die mit ihm gemeinsam transportiert wurden, schlugen den linken Weg ein. Die Rückfrage bei einem mit dem Lagerleben bereits vertrauten Kameraden, wo denn sein Freund sei, der nach links ging, beantwortete dieser wie folgt: „Du siehst ihn dort“. Der Kamerad zeigte auf eine Rauchwolke, „dort schwebt Dein Freund im Himmel.“ Ob es tatsächlich Glück war, dass ihm dieser Weg erspart blieb, bleibt wohl ebenso eine offene Frage wie jene, wie normal die Reaktion Viktor E. Frankls in dieser Situation war. Die erste Zeit im Lager war demzufolge gekennzeichnet durch die ständige Infragestellung des eigenen Lebens. Jene, die arbeitsfähig waren, durften bleiben, die anderen nicht. Viktor E. Frankl beschrieb die Stimmung in Auschwitz mit einer kühlen Neugier kombiniert mit Überraschungen, die sich offen dem Thema stellte, was nun alles geschehen wird. Dabei verzeichnete er unter anderem durchaus auch den unerwartet positiven Zustand, dass jemand, der nackt nass in der Kälte des Spätherbstes im Freien stehengelassen wird, nicht notwendigerweise einen Schnupfen bekommt.

Phase 2 – Das Lagerleben

Als besonders vorteilhaft für den Lageralltag schätzte Viktor E. Frankl die Empfindsamkeit von Menschen ein. Auch wenn empfindsame Insassen das furchtbare Leben schmerzlicher wahrnehmen, haben sie paradoxerweise dennoch durch ein geistig reges Dasein die Möglichkeit, sich trotz körperlicher Nähe zu unzähligen Mitbewohnern, einen inneren Rückzugsraum zu schaffen und dorthin zu flüchten. Sie können sozusagen ins Reich geistiger Freiheit und inneren Reichtums einkehren, egal wo sie sich örtlich befinden, was sie gerade machen und von wem sie wie behandelt werden. Interessant auch hier seine berührend geschilderte Umkehrung von Einschätzungen. Üblicherweise nehmen Kriegsbetroffene einen Fliegeralarm als besonders bedrohlich wahr, er hingegen schilderte im Gegensatz dazu den lebensrettenden Effekt des Angriffs. Er war in einer Gruppe von Arbeitern, die einen Aufseher hatte, der eine ausgesprochene Prügelkultur pflegte. Der Fliegeralarm nach zwei Stunden in dieser Gruppe war für ihn demzufolge eine ausgesprochene Erleichterung. Er schreibt von der Erlösung, die Alarmsirene zu hören und vergleicht sie mit dem Gefühl eines Boxers, der durch den Gongschlag am Ende einer Runde der Gefahr des Knockout entkommt.  

Phase 3 – Nach der Befreiung

In der Einleitung der letzten Phase, die von Viktor E. Frankl skizziert wird, geht es vorwiegend um das Befreiungserlebnis. Die Wirklichkeit war – obwohl physisch vorhanden – noch nicht vollends im Bewusstsein angekommen: es war eben die Möglichkeit noch nicht fassbar, als freier Mensch auf die andere Seite der Mauer zu gehen. Das unmittelbare Gefühl, Freude zu empfinden, war weitgehend verschwunden – zu entfernt und unwahrscheinlich war die Wirklichkeit. Zu oft hat man davon geträumt und ist nach dem Aufwachen wieder in die harte Realität zurückgeholt worden. Doch auch in dieser an sich sehr aufbauenden Phase schreibt Viktor E. Frankl von Gegebenheiten, bei denen er wahrscheinlich dankbar und glücklich war, dass sie ihm erspart blieben. Hier zeigte er einerseits auf, dass manche Menschen, die im Lager beste Kameraden und wahrlich keine üblen Menschen waren, plötzlich Hemdsärmel aufkrempelten und ihm entgegenschrien: „Diese Hand soll man mir abhauen, wenn ich sie nicht mit Blut beflecke an jenem Tag, an dem ich heimkomme ...! Viele Lagerbewohner hatten sich während des Lebens an dem Gedanken aufrechterhalten, wieder zu einem geliebten Menschen zurückzukehren. Wenn nun der Moment, der tausendmal in Träumen der Sehnsucht erschien, in der Realität ganz anders abläuft – vor allem dann, wenn der geliebte Mensch nicht mehr existiert ….

Abschließend fasst Viktor E. Frankl die Erinnerungen seines Augenzeugenberichts mit folgenden Worten zusammen: „Und wenn es im Leben einen Tag gab – den Tag der Freiheit -, an dem ihm alles wie ein schöner Traum erschien, dann kommt einmal der Tag, an dem ihm alles, was er im Lager erlebt, nur mehr wie ein böser Traum vorkommt. Gekrönt wird aber all dieses Erleben des heimfindenden Menschen von dem köstlichen Gefühl, nach all dem Erlittenen nichts mehr auf der Welt fürchten zu müssen – außer seinen Gott.“ Ermöglicht habe ihm das Überleben und demzufolge auch das Schreiben seiner Erinnerungen auch die geistigen Zwiegespräche mit seiner Frau, von denen er wie folgt schreibt: „Ob der geliebte Mensch noch lebt oder nicht … in diesem Augenblick ist es irgendwie gegenstandlos geworden. Ob der geliebte Mensch lebt oder nicht – irgendwie brauche ich es jetzt gar nicht zu wissen: meiner Liebe, dem liebenden Gedenken, der liebenden Schau seiner geistigen Gestalt, kann das alles nichts mehr anhaben.“

Viktor E. Frankl hatte das Glück, dass ihm viel erspart blieb, obwohl er Unglaubliches erlebte. Auch diese Ersparnisse waren ein Grundstein seiner weiteren erfolgreichen Karriere. Das Buch ‚… trotzdem Ja zum Leben sagen‘ hat sich laut Angaben des Verlags bereits im Jahr 1981 nach vier Jahren der Erstausgabe der deutschen Ausgabe mehr als zwei Millionen Mal verkauft. Somit haben wahrscheinlich seine Leser auch Anteil am ganz speziellen Glück von Viktor E. Frankl genommen.

Viktor E. Frankl hat viele Menschen zu herausragenden Taten motiviert. Eine ganz besondere Schülerin von ihm ist Elisabeth Lukas, die mit dem Titel „Auf dass es dir wohl ergehe – Lebenskunst fürs ganze Jahr“ das Gedankengebäude der Logotherapie und der Existenzanalyse in praktische Tipps für den Alltag umsetzt. Sie geht dabei bereits im ersten Kapitel auf den in der westlichen Psychokultur verbreiteten ‚Gefühlsexhibitionismus‘ ein, indem sie die Gefahr dieser Strömung konkret benennt. Jemand, der sich vorwiegend auf Selbstverwirklichung und Selbsterfahrung konzentriert, koppelt sich leicht vom Weltbezug ab, weil oft kleinliche Ängste, hochstilisierte Frustrationen oder Selbstbemitleidungen zu einem schier endlosen Klagedasein führen. Elisabeth Lukas schließt das erste Kapitel folgendermaßen: „Es muss uns heute um mehr gehen, als um die Überwindung eines innerseelischen Unbehagens, und wir haben heute mehr zu erobern als nur unser seelisches Gleichgewicht, nämlich eine menschenwürdige Zukunft für uns und unsere Kinder!“ Das ernsthafte Nachdenken über diese Erkenntnis und das Umlegen auf das eigene Leben hat einen angenehmen Nebeneffekt: Es kann nicht nur das eigene Glück fördern, sondern auch jenes der Gesellschaft.   

zum Link zum Viktor Frankl Zentrum in Wien